Von einem, der überfallen wurde und die Liebe fand

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Ich liebe die Bibel für ihre Geschichten. Wenn wir sie genau lesen, merken wir, dass du und ich auch darin vorkommen. Manchmal hilft es dazu die Personen selbst zu Wort kommen zu lassen. Gerade bei Geschichten, die wir meinen in und auswendig zu kennen, können wir große Überraschungen erleben, wenn wir versuchen, uns in die Personen hineinzuversetzen.
So habe ich es hier versucht. Eine narrative Predigt.

„Guten Tag, Gestatten, mein Name ist Joakim Ben Shimri.
Ich bin Jude und ich möchte euch heute gerne meine Geschichte erzählen.
Ich war schon immer durch und durch Geschäftsmann.
Fliegender Händler. Ständig unterwegs mit kostbaren Dingen wie Stoffen, Gefäßen, Gewürzen und dem was die wohlhabenderen Menschen so brauchen. Ich behaupte mal, ich habe ein Gespür dafür, wo man was am besten an den Mann oder die Frau bringen kann.
Und so war das auch an jenem schicksalshaften Tag als ich unbedingt noch nach Jericho wollte um dort auf dem Markt zu verkaufen. Ich wusste dort wartet ein ertragreiches  Geschäft auf mich. Dabei waren die Bedingungen an diesem Tag alles andere als gut diese Reise zu unternehmen.
Es war sehr heiß.
Ich wusste, es würde sehr beschwerlich werden von Jerusalem nach Jericho zu laufen.
Dann hatte ich keine Menschen an meiner Seite, die mich begleiten konnten. Normalerweise nehme ich eine Karawane mit, und ein paar bewaffnete Söldner, vor allem auf so gefährlichen Routen wie diesen. Denn die Strecke von Jerusalem nach Jericho ist berühmt berüchtigt. Sie gilt als sehr gefährlich. Man nennt die Straße auch den roten, blutigen Weg. Ihr müsst euch das so vorstellen: Jerusalem liegt auf einem Berg, 800 Meter über dem Meeresspiegel und Jericho 390 unter NN. Die Straße ist also sehr steil, auf 30 km fällt sie 1190 Meter ab und sie verengt sich in dem felsigen Gelände zu Hohlwegen. Ein ideales Versteck für Kriminelle. Nun ja. Wisst ihr, ich bin grundsätzlich kein ängstlicher Mensch. Und noch dazu ein kräftiger Mann. Und Geschichten gibt es immer viele. Vieles von dem ist doch oft auch übertrieben. Wie dem auch sei, mein Geschäftssinn, mein Übereifer, mein Dickkopf – wie meine Frau jetzt sagen würde – und vielleicht auch die Gier nach dem Geld ließen mich alle Warnungen in den Wind schlagen und ich brach frühmorgens auf, alleine, nur mit meinen beiden Eseln, die schwer bepackt waren. Es war wirklich ein heißer Tag. Kurz vor Mittag ging mein Wasservorrat schon zur Neige. Und ich muss gestehen, mir war doch ein bisschen mulmig zumute, wenn ich an Höhlen und Felsvorsprüngen vorbeikam. Jeden Moment fürchtete ich, es könne Jemand aus der Deckung springen. Langsam begann ich das ganze Unterfangen zu bereuen. Aber für ein Umkehren war es jetzt zu spät. Es passierte, als die Sonne so ziemlich am höchsten stand, da tauchten wie aus dem Nichts plötzlich zerlumpte Gestalten auf. Denen sah man schon von weitem an, wie gewaltbereit und skrupellos sie waren. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Ich wusste: gegen die hatte ich keine Chance.
Für einen Moment dachte ich, ich könne sie noch mit Worten überreden mir nichts anzutun – wie naiv von mir. Ich ließ den Strick meiner Esel los und bot ihnen sofort meinen ganzen Besitz an.
Ich flehte sie an, mich nichts zu tun.
Aber sie schlossen einen Ring um mich und alles woran ich mich dann noch erinnere ist, dass mich ein schwerer Schlag am Hinterkopf traf. Der Schmerz war unglaublich. Ich sackte zu Boden und ab da fehlt mir jede Erinnerung. Als ich aufwachte, war ich splitterfasernackt.
Mein ganzer Körper brannte und schmerzte in der Hitze. Als ich versuchte, meinen Kopf ein wenig anzuheben durchfuhr mich ein solch entsetzlicher Schmerz, wie ich ihn nicht beschreiben kann. So etwas Schreckliches hatte ich noch nie erlebt. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass sich eine Blutlache um mich gebildet hatte. Und in dem Moment wurde mir bewusst, wie aussichtslos meine Lage war. Kein Wasser in der Nähe, zu groß die Verletzungen. Zu brennend die Hitze. Und keine Hilfe weit und breit. Das war mein Todesurteil. Wie dumm ich doch gewesen war, diese Reise alleine zu machen.
Vor meinen Augen verschwamm alles. Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, nur halb bei Bewusstsein und gelähmt vor Verzweiflung. Aber plötzlich hörte ich Schritte.
Nur ganz mühsam konnte ich den Kopf ein wenig drehen.
Zum Rufen fehlte mir die Kraft. Meine Kehle war wie ausgetrocknet.
Ich sah, dass ein Priester vorbeiging. Ein Priester, Gott sei Dank! Meine Rettung. Ein Gottesmann. Besser konnte es ja gar nicht laufen. Ein Hoffnungsschimmer durchzog mich.
Wie unwahrscheinlich, dass überhaupt jemand hier langkommt. Und dann noch ein Priester! Jetzt bin ich gerettet. Aber… aber moment….der geht ja einfach weiter. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie groß meine Enttäuschung war. Da geht der einfach weiter! Tut, als wäre nichts gewesen. Als hätte er nichts gesehen. Ich hätte am liebsten gerufen, geschrien. Aber kein Wort kam mir über die Lippen. Nun hatte mich die Hoffnungslosigkeit endgültig übermannt.
Nach einiger Zeit hörte ich wieder Schritte. Wieder ein Funke Hoffnung. Und wieder grenzenlose Enttäuschung, weil auch dieser Mann einfach vorbeilief. Er sah aus wie ein Levit. Auch einer, der die Gebote Gottes kennt und achtet. Wie können diese Menschen denn einfach an dem Leid vorbeigehen? Aber ich war mittlerweile so schwach, dass ich auch keine Fassungslosigkeit mehr empfinden konnte.
Alles wurde mir plötzlich egal. Ich wollte einfach nur noch sterben. Nicht mehr diesen entsetzlichen Schmerzen spüren. Ich war kaum noch bei Bewusstsein als mich schließlich doch jemand fand und meine Wunden versorgte. Der Wein brannte auf den Wunden aber er brachte mir auch ein bisschen Hoffnung zurück. Der Mann verband mich ganz vorsichtig und irgendwie – liebevoll. Er benetzte meine ausgetrockneten Lippen mit Wasser und dann brachte er all seine Kraft auf und hievte mich auf sein Reittier, auf dem ich sofort zusammensackte. Er band mich fest und dann brachte er mich fort. Ich erinnere mich nicht mehr an viel von dieser Reise. Die Wunden schmerzten immer noch höllisch bei jedem Tritt des Esels. Aber mein Bewusstsein verschwand immer wieder für eine Weile. Die Welt verschwamm vor meinen Augen. Aber in dem allen weiß ich noch wie mich irgendwie ein sanftes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit umfing. Irgendwann wachte ich auf. In einem sauberen frisch bezogenen Bett.
Die Sonne glitzerte durchs Fenster, aber es war angenehm kühl und beim Versuch mich zu bewegen durchfuhr mich ein solch stechender Schmerz, dass ich es sofort wieder sein ließ und einfach nur still da lag. Nach einer Weile wurde die Tür geöffnet und ein Mann kam herein.
„Wo bin ich?“ fragte ich ihn. „Sie sind in einer Herberge nahe bei Jericho. Ich bin der Wirt, mir gehört dieses Gasthaus. Ein Mann hat sie mir gestern gebracht, halbtot. Wir haben uns Sorgen gemacht. Wir wussten nicht ob Sie es schaffen werden. Aber heute sehen Sie ja schon viel besser aus.. Das ist gut.“ Er lächelte.
Er brachte mir Wasser und setzte mir den Becher an die Lippen. Dann half er mir, ein bisschen Suppe zu essen und erneuerte meine Verbände. „Das sieht schon besser aus. Ich glaube, Sie sind über den Berg.“ sagte er. Ich sank noch tiefer in mein Kissen zurück und mich durchfuhr ein tiefes Gefühl der Erleichterung und des Friedens.
Als der Wirt wieder an der Tür war, fragte ich ihn: „Wer war dieser Mann? Wer hat mir geholfen?“
„Ein Samariter. Er hat mir Geld gegeben, damit ich sie gesund pflege. Er war sehr nett. Und er wollte morgen noch mal wiederkommen.“
Ein Samariter? Die Tür fiel ins Schloss und ich hatte jede Menge Zeit um nachzudenken. Ein Samariter? Ein Ausländer? Das macht doch gar keinen Sinn. Die Samariter sind unsere ärgsten Feinde. Sie haben einen anderen Glauben. Sie verehren Gott in einem eigenen Tempel. Sie halten sich nicht an unsere jüdischen Vorschriften und meinen trotzdem sie glauben an den gleichen Gott wie wir. Wir Juden mögen sie nicht. Sie sind wie ein lästiges Insekt. Wenn ein Verbrechen passiert, stehen sie meist im Verdacht. Sie kommen hierher und meinen sie könnten sich in unserem Land breitmachen und ihren Glauben leben. Wir aber wollen mit diesen Menschen nichts zu tun haben. Sie sind uns sehr suspekt mit ihrer anderen Kultur.
Aber ausgerechnet so einer soll mir geholfen haben? Und überhaupt da waren doch auch noch die beiden anderen Männer. Das fällt mir plötzlich wieder ein. Zwei Gottesmänner. Warum haben die eigentlich nichts unternommen? Vielleicht dachte der Priester, ich sei schon tot und er könne unrein werden an mir. Dann hätte er vermutlich nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Aber deshalb einem Notleidenden nicht zu helfen? Zählen denn die kultischen Forderungen mehr als das Gebot der Nächstenliebe? Mmh. Und der Levit? Vielleicht hatte er Angst dass ich ein Köder sein könnte von diesen Banditen. Natürlich, es ist nicht ungefährlich einem Verletzten zu helfen, der da einfach so rumliegt. Das kann einen schon mal skeptisch machen. Safety first, Die eigene Sicherheit geht vor. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass er auch noch überfallen würde. Da ist er lieber schnell weitergelaufen. Trotzdem. Ich bin enttäuscht von meinen Landsleuten, das muss ich schon sagen.
Ich habe den Samariter dann übrigens noch kennengelernt. Er kam einen Tag später wirklich noch einmal vorbei um nach mir zu schauen. Und wisst ihr was? Der war gar nicht so wie ich mir die Samariter immer vorgestellt hatte. Der war richtig nett! Wir haben uns noch voll gut unterhalten. Ich habe ihm versprochen, ihm das Geld zurückzuzahlen aber er wollte davon nichts wissen. Es ist eigentlich absurd, aber manchmal bin ich fast ein bisschen dankbar, dass mir dieses schreckliche Erlebnis passiert ist. Auch wenn ich ein bisschen traumatisch belastet bin und meine Unbeschwertheit verloren habe. Meine Freunde nenne mich den Sicherheitsfreak, weil ich jetzt immer doppelt so viele Söldner mitnehme wie üblich, wenn ich verreise. Aber das Ganze hatte auch so viel Gutes. Ich habe gelernt, was es heißt, anderen Menschen wirklich in Liebe zu begegnen. Das Gebot der Nächstenliebe. Das heißt wohl nicht, einfach nur Mitleid zu haben. Es heißt nicht hier und da mal einen Euro zu spenden um mein Gewissen zu beruhigen. So hab ich das vorher immer gemacht.. Echte Nächstenliebe schaut den Menschen an, wie Gott ihn sieht. Da achtet man plötzlich nicht mehr auf die soziale Herkunft, die Religion, man denkt nicht mehr nur an die eigene Sicherheit. Echte Nächstenliebe lässt sich ein auf das Gegenüber, spürt nach wie es ihm geht und reagiert mit tatkräftiger Hilfe. Tut das, was notwendig ist, packt an. Das habe ich von dem Samariter gelernt. Ich bin überrascht worden. Und zutiefst beeindruckt. Das Erlebnis hat aus mir einen anderen Menschen gemacht.
Ich bin immer noch Geschäftsmann, ja. Vielleicht nicht mehr ganz so erfolgreich.
Aber es reicht zu einem guten Leben. Ich bin nicht mehr ganz so dickköpfig.
Meine Prioritäten haben sich wohl etwas verschoben.
Und ich treffe mich jetzt manchmal mit fremden Menschen aus anderen Ländern. Oder mit den Menschen aus den ärmeren Vierteln, mit denen niemand etwas zu tun haben will.
Wir haben oft gute Gespräche. Und wir helfen uns gegenseitig.
Wisst ihr, jeden von uns kann es treffen.
Von heute auf morgen kann es plötzlich vorbei sein mit unserem Wohlstand, unserer Sicherheit. Morgen können wir die Hilfsbedürftigen sein.

Ich packe heute mit an, da wo Hilfe gebraucht wird. Nicht aus Eigennutz. Sondern weil ich erlebt habe, wie groß und tief die Liebe Gottes ist. Die will ich weitergeben. Und nicht auf morgen warten.
Ich will jetzt da sein und die Liebe weitergeben, die ich erfahren habe.
Von Gott durch diese Begegnung mit dem Samariter.
Das Leben ist zu kurz um diese Liebe zu verpassen.
Ich bin Joakim Ben Shimri. Und das ist meine Geschichte.

*frei erzählt nach LK 10,30-37

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